Digitaler Gestaltungsspielraum im kreativen Chaos – Gedanken zur „Welt nach Corona“

Kathrin Rochow

02. April 2020

Während Regierungen rund um den Globus zusehends die Maßnahmen gegen die Verbreitung von COVID-19 verstärken, wird deutlich spürbar, dass die Krise unsere Zukunft einschneidend verändern wird. Die Welt nach Corona wird eine andere sein¹. Nicht nur Märkte und Konsummuster werden sich wandeln. Auch Werte, Handlungsmuster und Kulturtechniken – kurzum die Grundlagen unseres gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Miteinanders werden umgeschrieben.

Diese Krise und dieser Stillstand sind jedoch kein kreativer Lockdown! Ganz im Gegenteil. Anstatt die auferlegte Zwangspause auszuharren, können wir diesen kreativen Spielraum nutzen, um unseren Kompass neu zu kalibrieren und die Weichen zu stellen für den Weg durch die Krise und das, was danach kommen wird.

Jetzt gilt es zu explorieren, analysieren und reagieren. Veränderungen im Wertesystem, in den Gewohnheiten und Verhaltensmustern der Menschen verlangen neue Lösungsansätze, Geschäftspraktiken und Arten der Zusammenarbeit. Nun ist ein ganzheitliches Verständnis dieser komplexen Zusammenhänge gefragt um Wirkungen und Potenziale der Situation erkennen zu können. Unternehmerinnen und Unternehmer müssen ihren Blickwinkel weit über die Innenperspektive ihrer Organisation hinaus richten und die komplexen Zusammenhänge von Wirtschaft und Gesellschaft wieder in den Fokus rücken, damit neue Lösungen für alte und neue Fragestellungen entstehen können.

So wurden in den vergangenen Wochen beispielsweise bewährte Geschäftsmodelle von kleinen, mittelständischen und großen Unternehmen „über Nacht“ auf den Prüfstand gestellt: Absatzmärkte brachen weg, Zulieferungen blieben aus oder die Mitarbeitenden krank zuhause. Zeitgleich öffneten sich hier aber auch die Tore zu digitalen Gestaltungsspielräumen und einer Vielzahl an kreativen Möglichkeiten um die Weichen für eine funktionierende, digitale Infrastruktur zu stellen. Nicht nur Unternehmen, auch Behörden und Organisationen haben die Notwendigkeit digitaler Strategien und Lösungen zu spüren bekommen. Vom Kindergarten bis zur Altenpflege, vom stationären Handeln bis zum Gesundheitssystem – die Digitalisierung ist nicht mehr nur eine abstrakte, propagierte Anforderung Wirtschaftsweiser, sondern bietet konkrete Möglichkeiten neue Muster des Lebens und Wirtschaftens zu entwerfen.

Im digitalen Raum eröffnen sich ungeahnte Möglichkeiten

Homeoffice, Online-Unterricht, E-Commerce, Telemedizin, digitale Verwaltungs- dienstleistungen – Corona zwingt viele Betriebe, Organisationen und Institutionen dazu, digitale Innovationen in großen Schritten voranzutreiben. Wenn auch die lokale Produktion, der Betrieb oder die Ladenfläche bis auf Weiteres geschlossen bleiben müssen, so eröffnen sich ungeahnte Möglichkeiten im digitalen Raum. Ohne an ihre klassische Infrastruktur gebunden zu sein, können Produkte dort vervielfältigt, verändert, bewegt oder miteinander verknüpft werden. Helfen können dabei auch und gerade Werkzeuge der digitalen Produkt- und Serviceentwicklung, wie zum Beispiel Design Thinking Methoden, Design und Strategy Sprints oder generell agile Arbeitsweisen. Sie ermöglichen es, fallspezifisch und in kürzester Zeit von einer Herausforderung über die Hypothese zur validierten Strategie zu gelangen. Richtig gedacht und gemacht, bringt das eine Transformation mit sich, die Agilität, Flexibilität und Innovation vorantreibt.

Noch ist es zu früh, um allgemeingültige Handlungsempfehlungen auszusprechen. Fest steht jedoch: ob wir in einer Krise eine Chance sehen, oder nicht, hängt nicht so sehr von Prognosen ab sondern vielmehr davon, wie wir mit dieser Situation und dem vorhandenen Wissen umgehen. Daher gilt es, die Schockstarre zu überwinden und unsere Kompetenzen zu mobilisieren, zu fokussieren, vorausschauende Pläne zu schmieden und diese umzusetzen. Erst dann können wir im kreativen Chaos wertvolle Chancen entdecken, die nicht nur schnelllebige Trends sondern nachhaltige Lösungen darstellen und „die Welt nach Corona“ positiv beeinflussen und mitgestalten werden.


¹ Horx, Matthias. 2020. „48 – Die Welt nach Corona.